Alle Augen sind auf den Inflationsbericht für September gerichtet, der am Freitag veröffentlicht wird, doch einige Ökonomen argumentieren, dass Inflationsdaten nicht das Einzige sind, worauf Anleger achten sollten. Laut Moody's Analytics-Chefökonom Mark Zandi ist das größte Risiko für die US-Wirtschaft derzeit möglicherweise nicht Zölle, Privatkredite oder sogar der Bankensektor – es ist der boomende Aktienmarkt selbst.
9 Billionen Dollar Marktgewinne – aber zu welchem Preis?
Zandi sagte gegenüber Yahoo Finance, dass die rund 9 Billionen Dollar an Kursgewinnen im vergangenen Jahr die Konsumausgaben einkommensstarker Haushalte befeuert haben, ein Schlüsseltreiber der US-Wirtschaft. Doch er warnte davor, dass diese Ausgabenkraft schnell verschwinden könnte, wenn der Markt von einem Bullen- in einen Bärenmarkt umschlägt.
„Steigende Aktienkurse sind entscheidend für wohlhabende Personen, die den Konsum antreiben“, sagte Zandi. „Eine Trendumkehr wäre eine echte Bedrohung für die Wirtschaft.“
Seiner Ansicht nach überwiegen die Risiken des Aktienmarkts nun die Sorgen über den Bankensektor oder Regierungsstillstände. Da die Bewertungen überzogen sind und sich in Richtung Blasenterritorium bewegen, besteht die Gefahr, dass ein plötzlicher Rücksetzer genau jene Verbraucher treffen könnte, die das Wachstum bisher gestützt haben.
Die Kluft im Konsumverhalten weitet sich
Die Abhängigkeit der US-Wirtschaft von Ausgaben einkommensstarker Haushalte kollidiert mit einer sich weiter öffnenden Schere im Konsumverhalten. Deborah Weinswig von Coresight Research stellte fest, dass die Ausgabenlücke zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Haushalten den höchsten Stand seit 2020 erreicht hat.
Einkommensstarke Verbraucher geben nach wie vor Geld aus, häufig bei Großhändlern wie Walmart und Costco, die dank starker datengetriebener Treueprogramme zu Favoriten geworden sind. Gleichzeitig florieren Discounter wie TJX und Ross Stores, da einkommensschwächere Haushalte ihr Budget durch das Stapeln von Gutscheinen und die Jagd nach Schnäppchen strecken.
Weinswig prognostiziert, dass sich diese Kluft nur noch weiter öffnen wird, was zu einer Leistungslücke im gesamten Einzelhandelssektor führen wird.
Kaufmüdigkeit macht sich breit
Trotzdem zeigen sich Risse. Die Deloitte-Umfrage zum Einzelhandel in der Weihnachtszeit 2025 prognostiziert, dass die gesamten US-Konsumausgaben um 10 % im Jahresvergleich sinken werden, wobei alle Einkommensgruppen planen, sich einzuschränken. Selbst unter Haushalten mit einem Einkommen von 200.000 Dollar oder mehr ist mittlerweile jeder vierte „wertorientiert“ – sie verschieben Käufe, greifen zu günstigeren Alternativen oder warten auf Rabattaktionen.
Mike Daher von Deloitte sagte, Verbraucher würden sich zunehmend auf Preis-Leistungs-Verhältnisse konzentrieren, und selbst Gutverdiener näherten sich einem „Kipppunkt“ in ihrer Fähigkeit, frei auszugeben.
Warnsignale von der Spitze
Beim Semafort World Economic Summit hob Goldman-Sachs-Präsident John Waldron das Ungleichgewicht hervor: Premium-Luftverkehr boomt, aber Niedrigpreis-Einzelhändler kämpfen mit Schulden. „Der Druck am unteren Ende der wirtschaftlichen Leiter ist enorm“, sagte Waldron und warnte davor, dass die Wirtschaft „noch größere Probleme“ bekommen könnte, wenn die Erschwinglichkeit weiter schwindet.
Fazit
Von Sorgen über eine Aktienmarktblase bis hin zu nachlassender Konsumnachfrage steht die US-Wirtschaft an einem fragilen Scheideweg. Der September-CPI wird neue Hinweise auf die Inflation liefern, doch die größere Frage könnte sein, ob der Rallye an der Wall Street tiefere Verwundbarkeiten verschleiert. Wenn sich der Vermögenseffekt umkehrt, könnte die Kaufkraft einkommensstarker Haushalte – das Rückgrat des jüngsten Wachstums – genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen ist.