Das Quantitative-Tightening-Programm (QT) der Federal Reserve – einst als langsamer, stetiger Abbau der Pandemie-Liquidität angekündigt – könnte früher als geplant beendet werden. Mehrere Wall-Street-Institutionen warnen, dass die Fed auf der bevorstehenden FOMC-Sitzung am 28.–29. Oktober einen Stopp des QT ankündigen oder zumindest andeuten könnte.
Der Grund? Reibungen auf den Geldmärkten werden in einer Weise sichtbar, die die Fed nicht ignorieren kann.
Anzeichen einer Liquiditätsklemme
Analysten verweisen auf drei alarmierende Warnsignale:
- Steigende kurzfristige Zinsen – Sowohl der Secured Overnight Financing Rate (SOFR) als auch die Repo-Beschaffungskosten sind parallel gestiegen.
- Abweichung vom Zielkorridor – Der Federal-Funds-Satz bewegt sich hart an der Obergrenze seines Zielkorridors von 4,00 %–4,25 %.
- Nutzung der Standing Repo Facility (SRF) – Einige Banken haben unerwartet die SRF der Fed in Anspruch genommen, eine Notfallliquiditätsfazilität für schnelle Bargeldbeschaffung gegen Treasuries.
Keines dieser Signale schreit nach „Krise“, aber zusammen deuten sie darauf hin, dass die Infrastruktur des Finanzsystems unter Druck gerät. Wie ein Strategist treffend bemerkte: „Man wartet nicht, bis die Rohre platzen, bevor man den Klempner ruft.“
Was Wall Street erwartet
- Analysten von Wrightson ICAP sagen, die Volatilität reiche aus, um zur „nächsten Phase“ der geldpolitischen Normalisierung der Fed überzugehen.
- Jefferies erwartet, dass die Fed die erzwungenen Fälligkeiten von Treasuries stoppt, aber Mortgage-Backed Securities (MBS) weiterhin natürlich auslaufen lässt, angesichts des schwachen Wohnungsmarkts.
- Evercore ISI prognostiziert, die Fed werde noch in diesem Monat das Ende des QT signalisieren, um vor Liquiditätsengpässen zum Jahresende fertig zu sein, wobei der tatsächliche Stopp bis Anfang 2026 verschoben werden könnte.
- Goldman Sachs ist vorsichtiger und rechnet mit einer Ankündigung im Januar und einem Abschluss im Februar, mit Verweis auf Powells Äußerung vom 14. Oktober, dass QT „in den kommenden Monaten“ enden könnte.
Der Balanceakt
QT wurde entwickelt, um die Bilanz der Fed nach der pandemiebedingten Ausweitung auf 9 Billionen US-Dollar zu verkleinern. Sie liegt jetzt bei etwa 6,6 Billionen US-Dollar. Das Problem besteht darin, herauszufinden, wie viel Liquidität abgebaut werden kann, bevor die Märkte erstarren.
Fed-Gouverneur Christopher Waller sagte kürzlich, die Bankreserven – immer noch bei etwa 3 Billionen US-Dollar – näherten sich dem „kritischen Punkt“, an dem das System gerade genug Liquidität für einen reibungslosen Betrieb hat. Bisher hat QT hauptsächlich die Reverse-Repo-Fazilität (RRP) der Fed reduziert, aber jetzt rücken die Reserven stärker in den Fokus.
Warum es wichtig ist
Ein vorzeitiges Ende des QT würde praktisch bedeuten, dass es keine weitere geldpolitische Straffung mehr von der Bilanzseite gibt. Das könnte:
- Die kurzfristigen Zinsen stabilisieren und verhindern, dass der Federal-Funds-Satz weiter steigt.
- Die Termprämien senken, die auf den Anleihemärkten langsam gestiegen sind.
- Das Risiko einer Wiederholung vergangener Liquiditätskrisen verringern, wie dem Repo-Markt-Crash von 2019.
Für Anleger ist die Botschaft klar: Die Fed priorisiert technische Stabilität gegenüber dem Ausquetschen des letzten Tropfens Liquidität. Oder anders gesagt: Die Zentralbank will nicht die Rohre kaputtmachen, während sie versucht, das Haus zu reparieren.
Das Fazit
Das QT-Experiment der Fed könnte früher enden als erwartet. Angesichts der gelb blinkenden Warnsignale auf den Geldmärkten setzt Wall Street darauf, dass Powell und seine Kollegen Stabilität vor Sturheit stellen werden. Für die Märkte könnte das eine geldpolitische Straffung weniger bedeuten – aber auch eine Erinnerung daran, dass die Fed immer noch im Blindflug unterwegs ist, wenn es darum geht, genau zu wissen, wie viel Liquidität „gerade genug“ ist.