Der US-Aktienmarkt hat angesichts neuer Bankenängste eine überraschende Widerstandsfähigkeit gezeigt. Trotz beunruhigender Schlagzeilen über Kreditbetrug und Insolvenzen stieg der Dow Jones Industrial Average in der vergangenen Woche um 1,7 %, der S&P 500 legte 1,8 % zu und der Nasdaq kletterte um 2,2 %. Doch hinter den positiven Zahlen warnen Analysten, dass strukturelle Risse auf dem Kreditmarkt das nächste große Risiko darstellen könnten.
Jamie Dimons „Kakerlaken“-Warnung
JPMorgan Chase-CEO Jamie Dimon verglich kürzlich Finanzrisiken mit Kakerlaken: Wenn man eine sieht, verstecken sich wahrscheinlich noch mehr im Dunkeln. Seine Metapher gewann an Bedeutung, nachdem die Insolvenzen der Autounternehmen Tricolor und First Brands fast unmittelbar von schlechten Nachrichten zweier Regionalbanken gefolgt wurden.
Zions Bancorp meldete einen Abschreibungsposten von 50 Millionen US-Dollar im Zusammenhang mit mutmaßlich betrügerischen Krediten, während Western Alliance Bancorp bekannt gab, einen Kreditnehmer verklagt zu haben, um 100 Millionen US-Dollar zurückzufordern. Die Nachrichten ließen die Aktien von Regionalbanken am Donnerstag (dem 17.) abstürzen und zogen zeitweise den Gesamtmarkt mit nach unten.
Der Aufstieg des Nichtbanken-Kredits
Während Banken weiterhin unter Beobachtung stehen, sagen Experten, dass die größere Geschichte auf dem Kreditmarkt außerhalb von Banken liegt. Kredite von nichtfinanziellen Depotinstituten (NFDIs) – denken Sie an Hedgefonds und Private-Credit-Firmen – machen laut JPMorgan-Daten inzwischen etwa ein Drittel der Geschäftskredite großer Banken aus.
Das Problem? Diese Kredite sind oft intransparent, wenig reguliert und nicht stresstestgeprüft. Peter Corey von Pave Finance warnte, dass lockere Kreditvergabestandards „mehr potenzielle Risikofälle bedeuten, die noch nicht aufgedeckt wurden“.
Gleichzeitig ist der Private-Credit-Markt explodiert. Billionen von Dollar sind in Fonds geflossen, die von Giganten wie Apollo, Ares, Blackstone und KKR verwaltet werden. Wie Mark Malek von Muriel Siebert es ausdrückte: „Diese Kredite werden nicht öffentlich gehandelt, stresstestgeprüft oder vollständig verstanden.“
Verschärfung steht bevor
Selbst ohne weitere „Kakerlaken“ könnte die Angst vor Ansteckung die Wirtschaft verlangsamen. Thierry Wizman von der Macquarie Group erwartet, dass Kreditgeber aller Art im vierten Quartal die Kreditgenehmigungen verschärfen werden, was möglicherweise eine Kettenreaktion auslöst, die das Wachstum dämpft.
Das sind schlechte Nachrichten für Anleger, die auf anhaltende Aktiengewinne setzen – und für den KI-Sektor, in dem selbst gut kapitalisierte Unternehmen zunehmend auf den Schuldenmarkt zurückgreifen, um ihre Expansion zu finanzieren.
Fundamentaldaten vs. Bewertungen
Nicht jeder schlägt Alarm. Tim Heins von Debtwire argumentiert, dass diese Schocks als „Warnsignale und nicht als Vorboten eines Crashs“ zu sehen seien, und weist darauf hin, dass die gesamten Kapitalniveaus weiterhin stark sind. Einige Anleger nutzen sogar die Volatilität. Ken Mahoney von Mahoney Asset Management nannte es „immer noch einen Bullenmarkt“, in dem Turbulenzen neue Chancen schaffen.
Trotzdem bleiben die Bewertungen überzogen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 liegt bei 22,6 und damit deutlich über den historischen Durchschnittswerten. Das bedeutet, dass die Erwartungen hochgespannt sind – und jede Enttäuschung könnte eine neue Runde der Panik auslösen.
Das Fazit
Der US-Aktienmarkt mag den jüngsten Bankenschreck überstanden haben, doch die Risiken verlagern sich von traditionellen Kreditgebern in die undurchsichtigere Welt des Private Credit. Angesichts überhöhter Bewertungen und sich verschärfender Kreditvergabestandards wäre es für Anleger ratsam, nach der nächsten „Kakerlake“ Ausschau zu halten.