Die Wall Street startete in die Handelssitzung am Dienstag (9. Dezember) mit hohen Erwartungen an eine spekulative Rallye vor der letzten Zinsentscheidung der US-Notenbank (Fed) für 2025. Stattdessen wurden Anleger von Turbulenzen überrascht. Eine scharfe Warnung von JPMorgan Chase (JPM-US) schickte Schockwellen durch den Dow Jones, während die lang erwartete Exportgenehmigung von Nvidia für China unter neuen Bedingungen einen bitteren Beigeschmack bekam. Die Anleiherenditen stiegen erneut und verstärkten die Unruhe. Zum Handelsschluss zeigten die drei großen Indizes ein gemischtes Bild: Der S&P 500 gab leicht nach, der Dow fiel, und der Nasdaq erzielte einen knappen Gewinn.
JPMorgans Ausgabenschock
Die größte Schlagzeile war der Absturz von JPMorgan um 4,7 %, der stärkste Tagesverlust seit April. Der Verkauf folgte auf die Prognose der Bank für 2026, die Ausgaben auf 105 Milliarden US-Dollar ansteigen sieht. Die Zahl spiegelt steigende regulatorische Kosten und hohe Investitionen in KI-gestützte Fintechs wider, doch Analysten befürchten, dass sie breitere Branchendrucke signalisiert.
Die Wall Street fürchtet einen doppelten Schlag: Lohninflation und Kosten der technologischen Transformation, die die Rentabilität im gesamten Bankensektor untergraben. Als größte US-Bank hatte JPMorgans Warnung ein überproportionales Gewicht und zog sowohl den Dow als auch den S&P 500 nach unten.
Nvidias "Trump-Steuer"-Überraschung
Im Technologiesektor erwarteten Anleger zunächst eine Rallye, nachdem Präsident Trump bekanntgab, dass Nvidia seinen fortschrittlichen H200-KI-Chip nach China exportieren darf. Doch die Genehmigung hatte einen Haken: Nvidia muss 25 % des Umsatzes an die US-Regierung abführen.
Statt zu feiern, fiel die Nvidia-Aktie um 0,3 %. Analysten nannten drei Gründe:
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Gewinndruck: Die 25 %-Abgabe wirkt wie eine Übergewinnsteuer und schmälert die Margen.
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Produktzyklusrisiko: Der H200 wird Ende 2025 veraltet sein und durch die Blackwell-Architektur ersetzt, was Zweifel an der Nachfrage aufkommen lässt.
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Geopolitische Unsicherheit: Peking könnte mit Gegenmaßnahmen reagieren, Käufe beschränken und damit den Wert des Deals untergraben.
Was als bullischer Katalysator gedacht war, wurde zu einem bärischen Signal und unterstrich die Fragilität der Tech-Stimmung unter geopolitischen Zwängen.
Alarmsignale vom Anleihemarkt
Jenseits der Aktienmärkte sendete der Anleihemarkt beunruhigende Signale. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe stieg zum vierten Tag in Folge und erreichte 4,18 %. Normalerweise fallen die Renditen vor Zinssenkungen. Der Wiederanstieg deutet darauf hin, dass Anleger eine Wiederbelebung der Inflation oder einen komplizierteren Lockerungskurs der Fed fürchten.
Höhere Renditen drücken direkt die Aktienbewertungen, was erklärt, warum die Rallye am Dienstag verpuffte. Für Händler war die Botschaft des Anleihemarkts klar: Vorsicht vor Powells Pressekonferenz.
Arbeitsmarktdaten: Ein gemischtes Bild
Der JOLTS-Stellenbericht zeigte im Oktober einen leichten Anstieg der offenen Stellen, doch die Einstellungen insgesamt bleiben schwach. Die Daten geben der Fed Rechtfertigung für Zinssenkungen, signalisieren aber gleichzeitig, dass die Wirtschaft nicht eingebrochen ist.
Laut CME FedWatch sehen Händler eine Wahrscheinlichkeit von 87 % für eine Senkung um 25 Basispunkte am Mittwoch. Doch die größere Frage ist, was danach kommt. Anleger erwarten, dass Powell eine "Abwartephase" ankündigt, in der beobachtet wird, wie Trumps neue Politik die Inflation beeinflusst, bevor weitere Lockerungen beschlossen werden.
Konsumaktien spiegeln Belastungen wider
Einzelne Aktienbewegungen unterstreichen den Druck auf Verbraucher:
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AutoZone (AZO-US): Fiel um 7,2 % nach schwachen Quartalszahlen, was darauf hindeutet, dass selbst die Nachfrage nach Autoreparaturen nachlässt.
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Campbell Soup (CPB-US): Verlor 5,2 %, ein Zeichen dafür, dass Preiserhöhungen bei Lebensmitteln an ihre Grenzen stoßen, da Verbraucher zurückschlagen.
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Warner Bros. Discovery (WBD-US): Stieg um 3,8 % aufgrund von Gerüchten über ein Bietergefecht mit Netflix und Skydance, was den anhaltenden Fusions- und Übernahmeschwung im Mediensektor unterstreicht.
Diese Bewegungen zeigen, dass die Budgets der Verbraucher schrumpfen, während Unternehmensfusionen weiterhin aktiv sind.
Anlegerstimmung: Nebel voraus
Das Handelsvolumen lag bei nur 14,5 Milliarden Aktien, unter dem Durchschnitt, was eine vorsichtige Haltung widerspiegelt. Große Fonds warten auf Klarheit von der Fed.
Für Anleger geht es bei der Entscheidung am Mittwoch weniger um die Senkung selbst – die bereits eingepreist ist –, sondern mehr um Powells Überarbeitung der Zinsprognosen (Dot Plot) und seine Aussagen zur Inflation 2026. Wenn Powell signalisiert, dass "die Inflation noch nicht vollständig besiegt ist" oder auf eine Pause bei den Senkungen hindeutet, könnten die Märkte erneut unter Abwärtsdruck geraten.
Das große Ganze
Die Handelssitzung am Dienstag zeigte das unruhige Gleichgewicht, dem die Wall Street gegenübersteht:
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Banken warnen vor steigenden Kosten.
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Technologieunternehmen sind zwischen geopolitischen Deals und Gewinnrisiken gefangen.
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Anleihen senden Inflationsalarme.
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Verbraucher ziehen die Geldbörsen enger.
Vor diesem Hintergrund haben Powells Worte enormes Gewicht. Anleger hoffen auf Beruhigung ohne Selbstzufriedenheit, Klarheit ohne zu harte Töne.
Fazit: Powells Gratwanderung
Das Dezember-Treffen der Fed entwickelt sich zu einem entscheidenden Moment. Eine Senkung um 25 Basispunkte wird erwartet, doch die eigentliche Herausforderung liegt in Powells Fähigkeit, schwache Arbeitsmarktdaten, Inflationsrisiken und politische Druck auszubalancieren.
Für die Märkte bleibt der Nebel dicht. Ob Powell den Weg freimacht oder die Unsicherheit vertieft, wird entscheiden, ob die Wall Street 2025 mit einem Höhenflug endet – oder sich auf Turbulenzen in 2026 einstellt.