Die Wall Street zeigte am Dienstag (21.) ein gespaltenes Gesicht. Der Dow Jones Industrial Average erreichte dank starker Quartalszahlen von General Motors und Coca-Cola ein Rekordhoch, während der S&P 500 sich seinem eigenen Höchststand weiter annäherte. Im Hintergrund jedoch sendeten die Renten- und Rohstoffmärkte Warnsignale.
Die lauteste Warnung kam von Danielle DiMartino Booth, ehemalige Beraterin der Federal Reserve Bank of Dallas und heute CEO von QI Research. Ihre Botschaft? Dem US-Finanzsystem geht die Liquidität aus, und die Fed könnte bald gezwungen sein, ihren Anti-Inflationskurs aufzugeben – nicht, weil die Inflation besiegt wäre, sondern weil die Infrastruktur des Systems zu bröckeln beginnt.
Gold erleidet einen Rückschlag
Gold, der klassische sichere Hafen, verzeichnete seinen stärksten Tagesverlust seit fünf Jahren. Nachdem am Montag ein Rekord von 4.380 US-Dollar je Unze erreicht worden war, fielen die COMEX-December-Futures um mehr als 6 % auf 4.125 US-Dollar.
Booth argumentierte, dies sei keine Abkehr vom Wert des Goldes, sondern eine „Flucht in Bargeld“ – Anleger verkaufen ihre liquidesten und profitabelsten Vermögenswerte, um Margin Calls zu bedienen, ähnlich dem Chaos im März 2020. „Niemand möchte, dass Gold wie eine Meme-Aktie gehandelt wird“, warnte sie.
Die Liquiditätsverknappung
Im Kern des Problems steht die anhaltende quantitative Straffung (Quantitative Tightening, QT) der Fed, die dem System monatlich bis zu 95 Milliarden US-Dollar entzieht, wenn Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere fällig werden. Booth sagt, dem System gehe „rasch die reichliche Liquidität aus“, und die Fed werde letztendlich zurücktreten müssen.
Dies spiegelt breitere Bedenken wider. Andrew Bailey von der Bank of England hat die US-Private-Credit-Risiken mit der Subprime-Hypothekenkrise von 2007 verglichen, während sowohl der IWF als auch die Fed selbst das undurchsichtige Wachstum des 1,7 Billionen US-Dollar schweren Privatkreditmarktes als systemisches Risiko benannt haben.
Private Credit und „Kakerlaken“
Booth wies auf steigende Ausfälle im Privatkreditgeschäft hin, wo die Underwriting-Standards in Jahren mit nahezu Nullzinsen gelockert wurden. Dies knüpft an die berüchtigte Warnung von JPMorgan-CEO Jamie Dimon vor „Kakerlaken im Finanzsystem“ an – wenn man eine sieht, verbergen sich wahrscheinlich mehr.
Der Markt für Collateralized Loan Obligations (CLO) ist der Kanarienvogel in der Kohlemine. Schlechter bewertete Tranchen zeigen bereits Stress, und Booth warnte davor, dass, wenn sich die Spreads von erstklassigen CLOs ausweiten, dies bedeuten würde, dass Kreditereignisse im Privatsektor auf die öffentlichen Märkte übergreifen.
Privathaushalte unter Druck
In der Zwischenzeit brummt die Realwirtschaft nicht gerade. Die Schulden der US-Private Haushalte haben einen Rekord von 18,4 Billionen US-Dollar erreicht, wobei Kreditkarten- und Autokredit-Delikten nun über dem Niveau vor der Pandemie liegen. Ein gemeinsamer Bericht von Vanguard und Amberworth ergab, dass Notfallentnahmen aus 401(k)-Plänen auf einem Zweijahreshoch sind, teilweise angetrieben durch die Wiederaufnahme der Zahlungen für Studienkredite.
Booth argumentiert, dass dies ein viel schwächeres Bild zeichnet, als die GDPNow-Prognose der Fed von Atlanta von 4 % vermuten lässt.
Fazit
Vom plötzlichen Sturzflug des Goldes über Stress im Private-Credit-Sektor bis hin zu den anschwellenden Schulden der Privathaushalte – Booths Warnung ist klar: Der Balanceakt der Fed zwischen Inflationsbekämpfung und der Stabilisierung des Finanzsystems wird von Tag zu Tag schwieriger.
Der Aktienmarkt mag vorerst Rekordhöhen feiern, aber unter der Haube schwindet die Liquidität rapide. Und wie Booth es ausdrückte: Wenn Anleger anfangen, Gold nur zu verkaufen, um Bargeld zu beschaffen, ist das weniger ein Siegeszug als vielmehr ein Hilferuf.