Die Debatte über den nächsten Schritt der US-Notenbank erhielt am Dienstag neuen Schwung, nachdem Boston-Fed-Präsidentin Susan Collins erklärte, sie halte weitere Zinssenkungen in diesem Jahr für "angemessen", um den Arbeitsmarkt zu stützen. Ihre Äußerungen, die sie bei einer Veranstaltung der Greater Boston Chamber of Commerce machte, decken sich mit jüngsten Aussagen von Fed-Chef Jerome Powell, der ebenfalls Anzeichen für Schwächen am Arbeitsmarkt benannt hatte.
Collins: Inflationsrisiken eingedämmt, Arbeitsmarkt jetzt Priorität
Collins argumentierte, dass zwar die Inflation über dem Fed-Ziel von 2% liegt, die Risiken durch steigende Preise im Vergleich zu den Abwärtsrisiken für die Beschäftigung jedoch nachgelassen hätten. "Die Inflationsrisiken sind etwas eingedämmt, aber der Arbeitsmarkt steht vor größeren Abwärtsrisiken. Daher erscheint es angemessen, die Zinsen in diesem Jahr noch etwas weiter zu normalisieren, um den Arbeitsmarkt zu unterstützen", sagte sie.
Sie fügte hinzu, dass die Geldpolitik selbst bei weiteren Lockerungsmaßnahmen "moderat restriktiv" bleiben würde, um sicherzustellen, dass die Inflation weiter sinkt, während sich die Auswirkungen der Zölle in der Wirtschaft entfalten.
Märkte erwarten weitere Senkung
Die Terminmärkte rechnen bereits mit einer 97-prozentigen Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinssenkung bis Ende Oktober, wie Daten von CME FedWatch zeigen. Sollte es dazu kommen, wäre dies die zweite Senkung der Fed in diesem Jahr nach einer Viertelpunkt-Senkung im September.
Collins' Äußerungen untermauern die Markterwartung, dass die Entscheidungsträger zu Lockerungen tendieren, insbesondere da die Einstellungen nachlassen. Sie wies darauf hin, dass die US-Wirtschaft zur Stabilisierung der Arbeitslosenquote nun nur noch etwa 40.000 Arbeitsplätze pro Monat schaffen müsse – gegenüber rund 80.000 vor der Pandemie – was auf ein verlangsamtes Wachstum der Erwerbsbevölkerung zurückzuführen sei.
Powell teilt die Bedenken
Bereits früher am Tag hatte auch Powell eingeräumt, dass sich der Arbeitsmarkt "erheblich abgeschwächt" habe, was darauf hindeutet, dass die Fed näher daran ist, die Risiken zwischen Inflation und Beschäftigung auszubalancieren. Seine Aussagen, kombiniert mit Collins' Befürwortung weiterer Senkungen, unterstreichen einen wachsenden Konsens innerhalb der Zentralbank, dass weitere Lockerungen angebracht sind.
Die nächste Sitzung des Fed-Gremiums ist für den 28.–29. Oktober angesetzt, bei der Collins stimmberechtigt sein wird.
Moderater Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet
Collins prognostizierte nur "relativ bescheidene Anstiege" der Arbeitslosenquote bis Anfang 2026, wobei sie davon ausgeht, dass die Einstellungen der Unternehmen wieder anziehen, sobald die Zölle und die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit nachlassen. Sie wies auch darauf hin, dass es nach wie vor schwierig sei, zu trennen, wie viel von der Verlangsamung der Einstellungen auf eine schwächere Nachfrage und wie viel auf strukturelle Faktoren wie die Einwanderungspolitik zurückzuführen sei.
Das große Ganze
Die Fed balanciert auf einem schmalen Grat zwischen der Eindämmung der Inflation und der Vermeidung unnötiger Schäden am Arbeitsmarkt. Während die Konsumausgaben stabil bleiben, konzentrieren sich die Entscheidungsträger zunehmend auf die Risiken für die Beschäftigung. Da sowohl Powell als auch Collins weitere Senkungen in Aussicht stellen, bereiten sich die Anleger auf mindestens einen weiteren Schritt noch in diesem Jahr vor.
Fazit
Die Botschaft der Fed-Vertreter ist klar: Zinssenkungen stehen wieder auf der Agenda. Da die Inflationsrisiken nachlassen und der Arbeitsmarkt Risse zeigt, scheint die Zentralbank bereit, weitere Unterstützung zu leisten. Die Märkte werden die Oktober-Sitzung genau beobachten, um eine Bestätigung dafür zu erhalten, dass die Wende der Fed hin zu einer lockeren Geldpolitik im Gange ist.