Für den größten Teil des Jahres 2025 befanden sich Amazon und Oracle auf der falschen Seite der KI-Erzählung. Während Nvidia, Microsoft und eine Handvoll KI-fokussierter Start-ups die Anlegerbegeisterung auf sich zogen, wurden diese beiden Tech-Giganten häufig als "KI-Nachzügler" oder "Infrastruktur-Folger" abgetan. Doch die Deutsche Bank ist der Meinung, dass der Markt sich täuscht.
In ihrem aktuellen Q1-2026-"Fresh-Money"-Report setzte die Deutsche Bank Amazon (AMZN) und Oracle (ORCL) auf ihre Liste hochüberzeugender Investmentideen – mit der Begründung, dass beide Unternehmen gut positioniert sind, um von der nächsten Phase des KI-Infrastrukturbooms zu profitieren.
Dieser Aufruf kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Anlegersentiments noch verhalten sind. Amazon legte 2025 nur 5% zu und lag damit deutlich hinter dem Anstieg des S&P 500 von 16%, während Oracle mehr als 40% von seinem September-Höchststand verloren hat. Doch die Analysten der Deutschen Bank sagen, die Pessimismus sei fehl am Platz – und dass beide Unternehmen mit stärkeren Fundamentaldaten in das Jahr 2026 starten, als der Markt es wahrnimmt.
Amazon: Das Label "KI-Verlierer" könnte endlich verblassen
Der Deutsche-Bank-Analyst Lee Horowitz glaubt, dass die KI-Erzählung um Amazon kurz vor einer dramatischen Wende steht. Trotz der massiven Cloud-Präsenz des Unternehmens und seiner jüngsten Partnerschaft mit OpenAI haben Anleger Amazons KI-Investitionen nur zögerlich honoriert.
Horowitz argumentiert, dass der Markt mehrere Schlüsseltreiber übersieht:
1. AWS steht kurz davor, 15 GW neue Rechenkapazität hinzuzufügen
Das ist eine der größten Cloud-Infrastrukturerweiterungen in der Unternehmensgeschichte. Horowitz erwartet, dass dieser Ausbau das Umsatzwachstum von AWS neu entfachen wird, das 2024 nachließ, aber Ende letzten Jahres wieder an Fahrt aufnahm.
2. Die OpenAI-Partnerschaft ist "nur der Anfang"
Während die Zusammenarbeit Schlagzeilen machte, sagt Horowitz, dass die eigentliche Geschichte Amazons breiterer Vorstoß ist, KI-Modelle von Drittanbietern und eigene proprietäre Modelle in AWS zu integrieren. Das Unternehmen positioniert sich als neutrale, multimodale Plattform – ein Ansatz, der Unternehmen anziehen könnte, die sich vor Vendor-Lock-in fürchten.
3. E-Commerce bleibt eine "reibungslos laufende Maschine"
Selbst in einem abkühlenden Einzelhandelsumfeld gewinnt Amazon weiterhin global Marktanteile hinzu. Logistikverbesserungen steigern die Margen, und das Erfüllungsnetzwerk des Unternehmens arbeitet derzeit auf seinem effizientesten Niveau seit Jahren.
4. Rufus könnte Amazons unterbewertestes KI-Asset sein
Rufus, Amazons KI-Einkaufsassistent, wird leise zu einem bedeutenden Umsatztreiber. Horowitz schätzt, dass er bereits 10 Milliarden US-Dollar an zusätzlichem Umsatz generiert hat – doch der Markt nimmt ihn kaum zur Kenntnis.
Der Bank-of-America-Analyst Justin Post bekräftigte diese Sichtweise Anfang der Woche, nannte Amazon seinen Top-Pick für 2026 und argumentierte, dass Rufus Amazon helfen könnte, die aufkommende Kategorie des "Proxy-Shopping" zu dominieren, bei der KI-Agenten Kaufentscheidungen im Namen der Nutzer treffen.
5. Das Betriebsgewinnwachstum könnte 20% erreichen
Horowitz glaubt, dass Amazons Betriebsgewinn mit einer jährlichen Rate von 20% wachsen könnte, angetrieben durch die Beschleunigung von AWS, die Margenexpansion im Einzelhandel und KI-gestützte Automatisierung im gesamten Unternehmen.
Kurz gesagt, die Deutsche Bank sieht Amazon nicht als KI-Nachzügler, sondern als ein Unternehmen, dessen KI-Monetarisierungsgeschichte gerade erst beginnt.
Oracle: Vom Marktliebling zum Überverkauften – und jetzt ein Kandidat für eine Erholung
Oracles Geschichte war noch dramatischer. Im vergangenen September wurde das Unternehmen kurzzeitig zu einer der heißesten KI-Aktien an der Wall Street, nachdem es sein KI-Bestellsystem angekündigt und massive Cloud-Infrastrukturpläne enthüllt hatte. Doch Bedenken hinsichtlich der Schuldenhöhe und Finanzierungsbedarfe kühlten die Anlegerbegeisterung schnell ab.
Die Aktie ist seitdem um mehr als 40% gefallen, doch der Deutsche-Bank-Analyst Brad Zelnick argumentiert, dass der Verkaufsdruck zu weit gegangen ist.
1. Der zukünftige Vertragswert von Oracle ist explodiert
Vor zwei Jahren belief sich der Backlog zukünftiger Cloud- und KI-Verträge von Oracle auf 65 Milliarden US-Dollar. Heute übersteigt er 500 Milliarden US-Dollar – eine fast achtfache Steigerung.
Zelnick sagt, dieser Anstieg spiegelt Oracles wachsende Rolle in der KI-Infrastruktur-Lieferkette wider, insbesondere bei der Bereitstellung von groß angelegten GPU-Clustern.
2. Finanzierungsbedenken sind vorübergehend
Zelnick erwartet, dass Oracle in den kommenden Quartalen "klarere Finanzierungsdetails" liefern wird, was die Anlegerängste lindern sollte. Er argumentiert, dass der Markt übermäßig auf die Schulden fixiert sei, während er den operativen Schwung des Unternehmens ignoriere.
3. Oracle hat einen technischen Vorteil im Parallel Computing
Oracles jahrzehntelange Erfahrung in der Hochgeschwindigkeits-Datenverarbeitung und im Parallel Computing verleiht ihm einen strukturellen Vorteil beim Aufbau von KI-optimierten Cloud-Umgebungen. Dieses Know-how wird immer wertvoller, da Unternehmen von der Experimentierphase zur groß angelegten KI-Implementierung übergehen.
4. Der Markt bewertet Oracles traditionelles Cloud-Geschäft zu niedrig
Während KI-Schlagzeilen das Gespräch dominieren, ist Oracles Nicht-KI-Cloud-Geschäft in den letzten zwei Jahren leise um 40% gewachsen und hat Marktanteile von größeren Wettbewerbern gewonnen.
Zelnick glaubt, dass dieses stetige Wachstum eine starke Grundlage für Oracles KI-Ambitionen bildet – und dass der Markt die Fähigkeit des Unternehmens unterschätzt, seinen massiven Vertrags-Backlog in Umsatz umzuwandeln.
Warum die Deutsche Bank glaubt, dass beide Aktien vor einer Trendwende stehen
Bei beiden Unternehmen sieht die Deutsche Bank ein gemeinsames Thema: Der Markt bewertet die langfristige KI-Infrastrukturnachfrage falsch.
Die nächste Phase des KI-Wachstums wird nicht allein von Modellentwicklern getrieben werden. Sie wird erfordern:
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Massive Cloud-Kapazität
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Hochdichte GPU-Cluster
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Skalierbare Datenpipelines
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Unternehmensreife KI-Tools
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Multimodale Orchestrierungsplattformen
Amazon und Oracle sitzen im Zentrum dieses Ökosystems.
AWS bleibt der größte Cloud-Anbieter der Welt, und Oracle wird zu einem bevorzugten Partner für Unternehmen, die große GPU-Cluster im großen Maßstab einsetzen. Beide Unternehmen investieren massiv in Infrastruktur, die für die nächste Welle der KI-Adaption unerlässlich sein wird.
Erkenntnisse für Anleger
Amazon (AMZN)
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Die AWS-Kapazitätserweiterung könnte das Cloud-Wachstum neu entfachen
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Rufus ist ein bedeutender, aber unterbewerteter Umsatztreiber
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Die E-Commerce-Margen verbessern sich weiter
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Das Betriebsgewinnwachstum könnte 20% erreichen
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Die Marktstimmung könnte sich ändern, wenn die KI-Monetarisierung klarer wird
Oracle (ORCL)
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Der Vertrags-Backlog ist auf über 500 Mrd. US-Dollar angestiegen
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Finanzierungsbedenken werden sich voraussichtlich legen
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Starker technischer Vorteil im Parallel Computing
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Traditionelles Cloud-Geschäft wächst in zwei Jahren um 40%
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Die Aktie könnte nach einem 40%igen Rückgang überverkauft sein
Ausblick: Von "KI-Verlierern" zu Comeback-Geschichten 2026
Die Botschaft der Deutschen Bank ist klar: Der Markt war zu schnell dabei, Amazon und Oracle im KI-Rennen abzuschreiben. Beide Unternehmen sind tief in der Infrastrukturschicht verwurzelt, die das nächste Jahrzehnt des KI-Wachstums antreiben wird.
Wenn die Deutsche Bank recht hat, könnte 2026 das Jahr werden, in dem diese sogenannten "KI-Verlierer" zu zwei der größten Comeback-Geschichten in der Tech-Branche werden.