Der berühmteste Contrarian-Investor der Wall Street, Michael Burry, steht wieder im Rampenlicht. Als „Big Short“-Investor, der die Finanzkrise 2008 vorhersagte, hat Burry seinen langjährigen Streit mit Tesla (TSLA-US) neu entfacht. Nach der Schließung seines Hedgefonds Scion Asset Management im November verlagert Burry seine Stimme auf Substack und startet seinen Newsletter Cassandra Unchained. Sein erstes großes Ziel: Teslas Bewertung, die er als „absurd“ und als schleichende Ausbeutung von Kleinaktionären bezeichnet.
Teslas KGV von 209
Im Zentrum von Burrys Kritik steht Teslas astronomische Bewertung. Laut LSEG-Daten liegt Teslas Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zum 1. Dezember 2025 bei 209. Zum Vergleich: Der Durchschnitt des S&P 500 liegt bei etwa 22, während Teslas eigener Fünfjahresdurchschnitt bei 94 liegt. Nach Burrys Maßstab notiert Tesla mit mehr als dem Doppelten seines historischen Aufschlags und fast dem Zehnfachen des breiteren Marktes.
„Teslas Marktkapitalisierung ist heute immer noch lächerlich überbewertet, und dieser irrationale Zustand hält schon viel zu lange an“, schrieb Burry. Für einen Value-Investor ist diese Abhängigkeit von Erzählungen statt von Gewinnen ein Lehrbuchbeispiel für eine Blase.
Aktienverwässerung: Die versteckten Kosten
Neben der Bewertung hebt Burry die Aktienverwässerung als stillen Wertverlust für Aktionäre hervor. Er schätzt, dass Tesla die Anteile durch neue Aktienemissionen und Mitarbeiteraktienoptionen um etwa 3,6 % pro Jahr verwässert. Ohne signifikante Aktienrückkäufe schrumpft die Beteiligung von Privatanlegern jedes Jahr.
Der größte Nutznießer, warnt Burry, ist CEO Elon Musk, dessen umstrittenes Vergütungspaket Aktienprämien im Wert von bis zu 1 Billion US-Dollar im nächsten Jahrzehnt bringen könnte, wenn operative Meilensteine erreicht werden. „Das ist eine Vermögensumverteilung“, fasste ein Analyst zusammen und wies darauf hin, dass Privatanleger, die später einsteigen, die Kosten tragen, wenn das Gewinnwachstum hinter der Aktienausweitung zurückbleibt.
Vom Hedgefonds-Manager zum Finanz-Influencer
Burrys Kritik an Tesla ist nicht neu. 2021 kaufte er berühmt-berüchtigt Tesla-Put-Optionen, schloss die Position aber später. Neu ist jetzt seine Plattform. Durch die Schließung von Scion Asset Management hat sich Burry von regulatorischen Beschränkungen befreit und kann nun als Finanz-Influencer direkter sprechen.
Seine Skepsis geht über Tesla hinaus. In den letzten Wochen hat Burry den breiteren KI-Investitionsboom angegriffen und infrage gestellt, ob Unternehmen wie Nvidia und Palantir massive Kapitalausgaben wirklich monetarisieren können. Er wirft Tech-Giganten vor, mit Bilanzierungstricks schwache Profitabilität zu verschleiern, und warnt, dass Anleger durch den Hype in falscher Sicherheit wiegen.
Marktstimmung: Glaube vs. Daten
Trotz Burrys Warnungen zeigte Teslas Aktie kaum Reaktion und stieg am 1. Dezember um 0,10 % auf 430,61 US-Dollar. Diese Widerstandsfähigkeit spiegelt das Anlegervertrauen in Teslas KI-Initiativen wider, darunter Robotaxi-Dienste, die nach Ansicht vieler einen höheren Fehlerspielraum rechtfertigen.
Doch Vorsicht macht sich breit. Analysten von JPMorgan weisen darauf hin, dass Teslas Autoverkäufe unter starkem Wettbewerb chinesischer Hersteller leiden, was die Hardware-Margen drückt. Wenn KI-Erlöse nicht schnell realisiert werden, könnte Teslas KGV über 200 einem scharfen Korrekturrisiko ausgesetzt sein.
Diese Spannung – zwischen Glauben an disruptive Erzählungen und harten Finanzdaten – prägt die Marktstimmung Ende 2025.
Lehren aus Burrys Erfolgsbilanz
Burrys Ruf gründet auf seinem weitsichtigen Call zur Subprime-Hypothekenkrise. Aber nicht alle seine Bärenwetten sind aufgegangen. Seine Skepsis gegenüber Halbleitern erwies sich beispielsweise als verfrüht. Dennoch bleibt seine Rolle als Marktwhistleblower einflussreich.
Für Anleger ist Burrys Kritik vielleicht kein Verkaufssignal, aber eine Erinnerung, Portfolios zu überprüfen. Wenn Wachstum von ständiger Verwässerung abhängt und Bewertungen der Schwerkraft trotzen, steigt das Risiko einer schmerzhaften Korrektur.
Das große Ganze: KI-Blasen-Befürchtungen
Burrys Tesla-Kritik passt zu seinen breiteren Warnungen vor der KI-Blase. Er argumentiert, dass die Wall Street die Risiken massiver KI-bezogener Investitionsausgaben unterschätzt, insbesondere wenn Bilanzierungspraktiken die wahre Profitabilität verschleiern. Seine Ansicht: Anleger jagen Geschichten – KI-Durchbrüche, autonomes Fahren, Cloud-Infrastruktur – ohne ausreichende Prüfung der Gewinne.
Diese Skepsis erinnert an historische Parallelen. So wie der Dotcom-Boom der späten 1990er spektakuläre Gewinner und Verlierer hervorbrachte, könnte der heutige KI-Taumel einige Unternehmen überdehnt zurücklassen.
Erkenntnisse für Anleger
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Bewertungsprüfung: Teslas KGV von 209 liegt weit über Marktnormen und weckt Blasen-Befürchtungen.
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Verwässerungsrisiko: Jährliche Aktienverwässerung schmälert den Aktionärswert und nutzt Insidern mehr als Privatanlegern.
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KI-Ungewissheit: Die Monetarisierung von KI-Investitionen bleibt unklar, was Gewinnprognosen riskant macht.
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Portfolio-Disziplin: Burrys Warnung zielt weniger auf den Ausstiegszeitpunkt ab, sondern mehr auf die Überprüfung des Engagements in Hype-getriebenen Aktien.
Fazit: Die Alarmglocken läuten erneut
Michael Burrys jüngste Attacke gegen Tesla unterstreicht seine anhaltende Rolle als Contrarian-Stimme der Wall Street. Ob sich seine Warnungen als weitsichtig oder verfrüht erweisen, sie heben die Risiken hervor, Bewertungen zu verfolgen, die von den Fundamentaldaten entkoppelt sind.
Mit dem nahenden Jahr 2026 stehen Anleger vor einer Wahl: weiter auf disruptive Erzählungen wie KI und autonomes Fahren setzen oder Burrys Aufruf folgen, sich auf Profitabilität und Aktionärswert zu konzentrieren. Die Alarmglocken haben geläutet – ob jemand zuhört, bleibt abzuwarten.